Die Löffel-Theorie

Regine Winkelmann
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Es ist schwer, die oft reduzierten Ressourcen, die viele Autisten und chronisch kranke Personen haben, für ein gut funktionierendes Umfeld sichtbar zu machen.
Menschen mit relativ guter Gesundheit und körperlicher Verfassung haben einen anderen Maßstab für die Einschätzung dessen, was ein normaler Energielevel ist, als Personen, die aufgrund ihrer Konstitution, einer Krankheit oder Behinderung.
So befinden sich viele dieser Personen, die dauernd am Rande der Erschöpfung sind, in einer ständigen Rechtfertigungsnot. Denn wer dauernd Kontakte oder gesellschaftliche Ereignisse meidet, oder diese eben nur sparsam wahrnimmt, gilt häufig als gesellschaftlich unfähig, als ignorant. Da braucht es schon einen guten Grund, damit dieses Bedürfnis nach Ruhe und Erholung eben nicht durch andere die entsprechend negative Bewertung erfährt.
Wir haben eben nicht unbegrenzte Löffel zur Verfügung.
Was hat das mit Löffeln zu tun?

Die Bloggerin Christine Miserandino prägte hier, durch ihre gelungene Metapher, die Löffeltheorie.

Christine Miserandino erlebt durch ihre Autoimmunerkrankung ( Lupus Erythematodes) auch erhebliche Einschränkung und Reduzierung ihrer Ressourcen. Für alle Menschen, die mehr Energie in den Alltag stecken, als sie in der darauffolgenden Nacht wieder zurückgewinnen, gilt es, diese kostbaren Ressourcen sehr achtsam und ökonomisch zu verwalten. Wer mehr gibt, als er wieder zurückbekommt, wird das zu spüren bekommen.

Die wenigsten ziehen sich zurück und meiden Kontakte, weil sie misanthropisch veranlagt sind. Es fehlt ihnen einfach die Kraft dazu. Und wer ab Montag wieder funktionieren muss, kann sich oft nur das ganze Wochenende sehr stark zurücknehmen, um überhaupt alltagstauglich zu sein. Schön oder freiwillig ist das nicht.  – Jedenfalls oft nicht.

Teilhabe ist nicht nur etwas, an das wir gehindert werden. Teilhabe man muss sie sich auch kräftemäßig leisten können.

Christine Miserandino besuchte eines Tages mit ihrer Freundin gemeinsam ein Café.
Die Freundin, als eine Person, die eben nicht über ihre eingeschränkten Kräfte verfügte, vermochte sich das nicht vorzustellen, wie viel es Christine abverlangte, mit ihr gemeinsam in einem Café zu sitzen.
Ist doch so ein Café-Besuch für die meisten eine willkommene Auszeit. Für die meisten ist es Erholung und Entspannung.
Für Christine aber bedeutet es, dass sie eine Wahl treffen muss, für diesen Tag, ob sie die Kräfte vergibt für den Café-Besuch oder für etwas, was höhere Priorität hat.
Café-Besuch oder vielleicht der nötige Einkauf. Beides geht nicht.

Die meisten Menschen würden sicher beides miteinander verbinden. Für viele Menschen ist genau das nicht möglich. Damit ist ihr Alltag erheblich eingeschränkt.
Ja, wie das? Es muss doch möglich sein, einen Einkauf zu machen und danach gemütlich in einem Café zu sitzen und sich mit einer Freundin zu unterhalten?
Ja, schön wär’s.

Christine versuchte ihrer Freundin nun zu verdeutlichen, wieso das in ihrem Fall eben nicht möglich ist.
Dazu stand sie auf und nahm sich einige Löffel von der Theke. Genauer gesagt, waren es zwölf.

Es hätte alles andere sein können, was an Gegenständen herumlag. Zuckerwürfel hätten es genauso gutgetan. Aber sie hat Löffel genommen und darum bleiben wir nun dabei.
Sie gab ihrer Freundin also die zwölf Löffel mit folgender Erklärung:

“Ein gesunder Mensch hat grundsätzlich für viele seiner täglichen Vorhaben ausreichend Energie. Und wenn die zur Neige geht, hat er nach einer Pause doch in der Regel den Energiehaushalt wieder aufgefüllt.
Ich habe leider als kranker Mensch täglich nur eine begrenzte Menge Energie. Stelle dir vor, diese zwölf Löffel, wären die Energie, über die du täglich verfügen könntest. Mehr gibt es nicht.
Passe auf, dass dir keiner runterfällt, was vergeudet ist, ist vergeudet!
Du stehst nun morgens auf und denkst darüber nach, was an diesem Tag anstehen wird.
Du wählst die passende Kleidung aus, gehst duschen und ziehst dich an. Und schon hast du drei Löffel weniger zur Verfügung.”
Christine nahm ihrer Freundin drei der Löffel weg.
“Bedenke also, was du an Kleidung wählst, denn sich nochmal umziehen zu müssen, kostet weitere Löffel.“
Bei Ihrer Schilderung war sie noch nicht einmal an ihrer Arbeitsstelle angekommen, da fehlten der Freundin bereits 6 Löffel.

“Ich habe nur noch die Hälfte“, bemerkte die Freundin. „ Ja, so ist das, erwiderte Christine. “Du kannst manchmal auch ein oder zwei Löffel ausborgen von dem morgigen Tag. Aber dann musst du eben wissen, der morgige Tag startet mit 10 anstatt 12 Löffeln.
Die Arbeit“, so Christine weiter, „benötigt die Kraft von 5 Löffeln, den einen solltest du dir für den Nachhauseweg aufsparen.”
Damit waren nun sämtliche Löffel verbraucht.

Da war nichts mehr übrig für den Einkauf und auch nichts mehr für einen Café-Besuch. Das konnte ihre Freundin inzwischen deutlich erkennen.

Für viele Menschen mit dauernd eingeschränkten Ressourcen ist dieses Löffelbeispiel absolut passend, um ihren Mitmenschen, aber auch sich selbst einmal klarzumachen, dass wir unglaublich sorgfältig und geizig mit unserer vorhandenen Kraft umgehen müssen.
Wir dürfen sie nicht vergeuden oder verschwenderisch sein. 

Im Alltag eines Autisten kann eine einzige soziale Begegnung bereits einige Löffel kosten. Ein unangemeldeter Besuch, ein unerwarteter Anruf – und schwups, sind drei, vier Löffel verbraucht.
Hat man sich und die Ursachen erkannt, die uns viel Energie abverlangen – also viele Löffel kosten, gilt es sehr genau abzuwägen, welche Aktivität man sich erlaubt. Es geht dann wirklich bei manchen Aktivitäten auch um den eigenen Gewinn dabei, der einem eher etwas gibt, als vielleicht das Letzte, was man noch hat, nimmt.
Und das hat dann seine Berechtigung, das hat Vorrang, denn das gehört zur Selbstfürsorge. Kein anderer kann auf unsere Kraft aufpassen und sie für uns verwalten, keinem anderen sollten wir diese Verantwortung übergeben.
Meines Erachtens ist das für alle Autisten der wichtigste Schritt, zur Erhaltung der eigenen Gesundheit, physischer und psychischer Stabilität. Wir alle sollten bereits bei den Kindern damit beginnen. Anstatt immer mehr Anpassungsdruck auf sie auszuüben, sollten wir versuchen, ihnen früh genug beizubringen, dass sie auf ihre eigenen Ressourcen achten.

Regine Winkelmann

War nach abgeschlossenem Ingenieurstudium 20 Jahre als unterrichtende Dozentin in der Erwachsenenbildung tätig. Sie ist Mutter von vier, mittlerweile erwachsenen Kindern. Nach Publikation ihres ersten Buches ist sie als Referentin vortragend unterwegs und berichtet über Autismus und artverwandte Neurodiversität aus ihrer Sicht als Autistin mit ADHS.

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