Kolumne über Frust und Hilflosigkeit

Silke Burmeister
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Diese Kolumne ist aus Frust und Hilflosigkeit geboren, ursprünglich hätte sie ein offener Brief werden sollen.

Man mag von Julian Assange und seinem Anwaltsteam halten, was man will, man mag auch von dem Umstand halten, was man will, dass Ex-Präsident Donald Trump versucht hat sich in die Sache reinzuhängen, wie er sich sonst überall auch einmischt, wenn er dort die Aufmerksamkeit der Presse für sich wittert. Es ist egal!

Was mir jedoch nicht egal ist, ist der Umstand, dass die Anwälte der US-Seite in der Auslieferungsanhörung um Assange versucht haben, ihm seine Autismus-Diagnose streitig zu machen und das nicht etwa, weil er kein Autist wäre, sondern einfach nur, weil ihnen diese Diagnose in dem Versuch diesen Mann in ihre Finger zu bekommen offenbar zu „unbequem“ geworden ist. Ich weiß nicht, ob Assange’s Diagnose berechtigt ist. Der in der Anhörung befragte Dr. Deely ließ inhaltlich durchblicken, dass Assange dieselben Testverfahren durchlaufen musste wie ich und alle diagnostizierten Autisten in unseren Foren. Formell scheint also erstmal alles korrekt zu sein und den Rest kann und wage ich nicht zu beurteilen. Ich weiß nicht, ob Assange tatsächlich Autist ist oder nicht. Er wurde jedoch formell diagnostiziert und um sicherzugehen sogar noch ein weiteres Mal getestet!

Fest steht für mich lediglich, dass diese Leute sich nicht einmal die Mühe gemacht haben, die aktuelle Forschung zu Autismus zu recherchieren, weil es sie offenbar null-Komma-gar nichts interessiert, stattdessen haben sie kurzerhand zum Selbstzweck alle möglichen gruseligen und längst mehrfach widerlegten Klischees zu Autismus aus der Mottenkiste geholt haben, so wie man eine bröselige alte und offenbar verfluchte Mumie ausgräbt!
Da fielen wieder Sätze wie, dass es Autisten an Empathie mangele, was längst mehrfach widerlegt wurde u.a. durch folgende Studie. Und dass es uns angeblich schwerfalle, Kontakt zu unseren Peers aufzubauen. Auch das ist Nonsens! Folgende Studie zeigt auf, dass das weniger an uns Autisten selbst liegt. Siehe hier. Ich bin z.B. zertifizierte Peer-Beraterin, zertifiziert dazu durch die AGpR Rheinland UND Autistin und dazu kommt es eben darauf an, wen man als „Peers“ bezeichnet und wie weit man den Begriff denn im Einzelfall fasst. Natürlich erscheinen mir meine NT-Peers als „fremdartig“ und mich irritiert häufig ihr Verhalten, das ich als „unberechenbar“ empfinde und manchmal sogar als ungehobelt, unaufmerksam und etwas „prollig“. Ja und manchmal habe ich sogar das Gefühl unter Nichtautisten unversehens in einem Tigergehege gelandet zu sein…vor der Fütterungszeit! Mit meinen autistischen Peers sieht das jedoch sehr anders aus… wie der Tag zur Nacht! Ich fühle mich mit meinem Sein da wohl und angenommen. Klar können Autisten sich gegenseitig schon mal genauso anzickern wie Nichtautisten, wir zeigen ja auch das ganze Spektrum an menschlichen Verhaltensweisen. Diese sehen bei uns halt oft nur aus der beschränkten Außensicht der Nichtbetroffenen ein bisschen „ungewöhnlich“ aus, für uns sind sie das jedoch nicht.

Auch die Aussagen darüber, dass Julian Assange „ein liebender und engagierter Vater“ sei, versuchte man am
12. Verhandlungstag (Mi, den 27. Oktober 2021) als Waffe zu benutzen, um seine Diagnose infrage zu stellen. Es gibt jedoch auch zahlreiche Eltern autistischer Kinder und auch nichtautistischer Kinder, die selbst Autisten sind und auch in ihrem autistischen Sein durchaus liebevolle und sehr engagierte Eltern sind (seht Euch nur um, es gibt reichlich Beispiele für autistische Elternschaft). Auch ich bin Mutter, und auch wenn ich nicht immer alles perfekt hinbekomme oder „richtig“ mache, liebe ich meine 9-Jährige Tochter von Herzen und gebe mir alle Mühe (Hannah ist sehr pflegeleicht und lieb, ein richtiger Sonnenschein! Echte Mühe macht sie praktisch nie, nur um das gleich klarzustellen!)! Wenn diese alten Klischees, die viel eher in die Nazizeit gepasst hätten als in das Jahr 2021, jedoch bezogen auf Gerichte Schule machen, dann befürchte ich, dass viele betroffene Familien zukünftig darunter leiden werden, dass hier mal wieder diese Mythen breitgetreten wurden. Ich weigere mich zu akzeptieren, dass dieser Mist auf dem Rücken Betroffener und ihrer Familien ausgetragen wird und ich frage mich ernsthaft, wie weit die US-Vertreter in diesem Fall noch bereit sind zu gehen, nur um eine einzige Person in ihre Hände zu bekommen!

Assange’s Handeln bewegte sich in einer rechtlichen Grauzone, war im Grunde jedoch nicht anders, als das, was viele Journalisten jeden Tag von Berufs wegen tun. Er hat schwere Kriegsverbrechen öffentlich gemacht, die sonst wahrscheinlich vertuscht worden wären und hat anderen Menschen die Möglichkeit gegeben, öffentlich zu machen, worüber es ihnen aus Gewissensgründen nicht mehr möglich war, zu schweigen. So wie etwa der Ex-Soldatin Chelsea (ehemals Mr. Bradley) Manning, die damals als Soldat ein hohes persönliches Risiko einging (eine zerstörte Existenz und 35 Jahre Knast zu riskieren, ist nicht mal eben wenig), in dem sie unter anderem ein Video einer Attacke eines Militärhelikopters auf eine Gruppe Journalisten und der ihnen zu Hilfe eilenden Zivilisten veröffentlichte, bei der auch 2 Kinder lebensgefährlich verletzt worden waren! Die US-Regierung möchte Assange wegen angeblicher „Spionage“ anklagen (sehr fragwürdig) und dem Diebstahl von Dokumenten. Der zweite Vorwurf wäre hierbei sogar beinahe eine rechtmäßige Anklage, nur, dass eben Assange nicht selbst hinging und sich die Dokumente beschafft hätte, sondern diese, wie zahlreiche andere Journalisten auch, durch „Informanten“ zugespielt bekam. Das ist im Journalismus seit vielen Jahrzehnten eine legitime Praxis. Daher befürchten viele Journalisten zu Recht, dass sie ihrem Beruf bald nicht mehr nachgehen können, ohne der Spionage bezichtigt zu werden, wie Russland unter seinem Präsidenten Vladimir Putin das selbst seit geraumer Zeit seit gegenüber Journalisten versucht. Ein weniger lustiger „Fun-Fact“ mag im russischen Fall nur sein, dass Putin selbst einmal ein Spion für den russischen KGB (heute FSB) war.

Assange‘s „Fall“ wird vor dem Londoner High Court verhandelt, der auch die sogenannte „Queens Bench Division“ (übersetzt etwa die „Division der Sitzbank der Königin“) beherbergt, die eben (sofern ich das korrekt verstanden habe) unter anderem für solche außenpolitisch heiklen Fälle zuständig ist. Der High Court ist sehr grob vergleichbar mit einem deutschen Landgericht und wenn einem dieser Gerichte dann auch noch diese speziellen Fälle zugeordnet sind, dann ist das keine eben kleine Angelegenheit! Dazu kommt das immer noch relativ stark vorhandene Medieninteresse, das dadurch wieder aufflammt.

Ein paar Gedanken zum Schluss: In so einer Angelegenheit still und teilnahmslos danebenzusitzen, während eine ganze Gruppe von Menschen für so eine Sache im Vorbeigehen „unter den Bus geworfen“ (geopfert) wird, liegt mir nicht. Ich kann sowas nur schwer ertragen und das ist auch so eine Eigenart, die ich immer wieder bei meinen autistischen Peers beobachten konnte: Die Unfähigkeit stillzuhalten und sich nicht einzumischen, wenn andernorts Unrecht an anderen Menschen oder auch Tieren begangen wird. Nichteinmischung liegt mir und vielen anderen Menschen im Autismusspektrum nicht. Ich kann da einfach nicht meinen Babbel halten. Das ist mir schon bei Mobbing und einfachem Gezanke nicht möglich wegzusehen oder nicht einzugreifen! Unter anderem versuchen wir ja auch helfend zu beraten und zwischen nichtautistischen Eltern und deren autistischen Kindern zu vermitteln, eben damit autistischen Kindern heute erspart bleibt, was viele von uns erwachsenen Betroffenen noch durchlebt haben und durchleben! Und in dem Kontext kann ich plötzlich auch sehr genau nachvollziehen, warum WikiLeaks überhaupt entstanden ist…da konnte noch jemand nicht einfach die Augen vor Unrecht verschließen und hat sich den Popo aufgerissen, um auf gesellschaftlicher Ebene etwas zu bewegen! Oder auf der anderen Seite auch das Engagement von Greta Thunberg… Und während die USA z.B. dem „Judge Rotenburg Center“ in Massachusetts immer noch gestatten, auf durch nichts zu rechtfertigende Weise autistische Kinder und Erwachsene mit Elektroschocks zu quälen, welche teilweise das zehnfache an Spannung einer Stun-Gun betragen, stellen sich die US-Vertreter vor dem High Court in London immer noch hin und behaupten Stein und Bein, Assange hätte durch ihre Hände keine Folter zu befürchten. Gleichwohl die vereinten Nationen Elektroschocks sehr wohl als „Folter: deklarieren, die das JRC in Massachusetts auch Anfang November 2021 immer noch betreibt! Den US Vertretern in London sei jedoch folgendes gesagt: Wir werden hier nicht wegsehen und vor allem werden wir nicht dazu schweigen!

Wenn Ihr diese Kolumne dennoch gerne als offenen Brief sehen wollt, könnt Ihr ihn gerne per Kommentarfunktion mitzeichnen.

Silke Burmeister

Ich bin 42 Jahre alt. Mit meiner Familie lebe ich im Kreis Wesel. Ich wurde mit 36 Jahren als Autistin spätdiagnostiziert. Mein gelernter Beruf ist Bürokauffrau, ich arbeite am Empfang einer der sozialen Einrichtungen von Spix e.V., und dieses Jahr habe ich meine durch meinen Arbeitgeber finanzierte Ausbildung zur Peer-Beraterin erfolgreich abgeschlossen, derzeit bin ich gerade dabei mit meiner Kollegin, die mit mir zusammen die Ausbildung abgeschlossen hat, den Beratungsbereich in unserem Betrieb aufzubauen.

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