Grad der Behinderung – Wie wird er festgestellt?

Wolfgang Stemmer

Liebe Leser, lassen Sie sich durch dieses WortungetĂŒm Versorgungs-Medizin-Verordnung nicht abschrecken. Diese Verordnung ist fĂŒr jeden Menschen von großem Interesse, der zum Beispiel einen Schwerbehindertenausweis beantragen will. Diese Verordnung gilt sowohl fĂŒr Kinder und Erwachsene. Lesen Sie dazu den Brief des Ministeriums, der Ihnen unten ĂŒber dem Link zugĂ€nglich wird.
Als Laie können Sie mit dieser Liste wenigstens einschĂ€tzen, wie Ihr Problem in Prozenten eingestuft wird. Sie kann Ihnen auch helfen, GrĂŒnde fĂŒr einen möglichen Widerspruch zu formulieren.

Die Versorgungs-Medizin-Verordnung

Die Versorgungs-Medizin-Verordnung (VersMedV) dient den VersorgungsĂ€rzten, also den Ärzten, die bei Untersuchungen den Grad der SchĂ€digungsfolgen (GdS) und den Grad der Behinderung (GdB) festlegen. „Beide Begriffe unterscheiden sich lediglich dadurch, dass der GdS nur auf die SchĂ€digungsfolgen (also kausal) und der GdB auf alle Gesundheitsstörungen unabhĂ€ngig von ihrer Ursache (also final) bezogen ist“. (VersMedV A1, 2a)

In der VersMedV werden auch die „Besonderheiten der Beurteilung der Hilflosigkeit bei Kindern und Jugendlichen“ beschrieben. Unter A5, 5d „Bei angeborenen oder im Kindesalter aufgetretenen Behinderungen ist im Einzelnen folgendes zu beachten:

bb) Bei tiefgreifenden Entwicklungsstörungen, die fĂŒr sich allein einen GdS von mindestens 50 bedingen, und bei anderen gleich schweren, im Kindesalter beginnenden Verhaltens- und emotionalen Störungen mit lang andauernden erheblichen Einordnungsschwierigkeiten ist regelhaft Hilflosigkeit bis zum 18. Lebensjahr anzunehmen“.

In der GdS Tabelle der VersMedV wird unter Punkt 3.5 die „Verhaltens- und emotionalen Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend“ beschrieben. Die Diagnose Autismus steht unter Punkt 3.5.1: „Tief greifende Entwicklungsstörungen (insbesondere frĂŒhkindlicher Autismus, atypischer Autismus, Asperger-Syndrom).

Bei tief greifenden Entwicklungsstörungen

  • ohne soziale Anpassungsschwierigkeiten betrĂ€gt der GdS 10-20.
  • mit leichten sozialen Anpassungsschwierigkeiten betrĂ€gt der GdS 30-40.
  • mit mittleren sozialen Anpassungsschwierigkeiten betrĂ€gt der GdS 50-70.
  • mit schweren sozialen Anpassungsschwierigkeiten betrĂ€gt der GdS 80-100.

Soziale Anpassungsschwierigkeiten liegen insbesondere vor, wenn die IntegrationsfĂ€higkeit in Lebensbereiche (wie z.B. Regel-Kindergarten, Regel-Schule, allgemeiner Arbeitsmarkt, öffentliches Leben, hĂ€usliches Leben) nicht ohne besondere Förderung oder UnterstĂŒtzung (z.B. durch Eingliederungshilfe) gegeben ist oder wenn die Betroffenen einer ĂŒber das dem jeweiligen Alter entsprechende Maß hinausgehenden Beaufsichtigung bedĂŒrfen.
Mittlere soziale Anpassungsschwierigkeiten liegen insbesondere vor, wenn die Integration in Lebensbereiche nicht ohne umfassende UnterstĂŒtzung (z.B. einen Integrationshelfer als Eingliederungshilfe) möglich ist.
Schwere soziale Anpassungsschwierigkeiten liegen insbesondere vor, wenn die Integration in Lebensbereiche auch mit umfassender UnterstĂŒtzung nicht möglich ist“.

Und wie sieht die Feststellung fĂŒr die Erwachsenen Autisten aus?

Da sich in der VersMedV die Beschreibung des GdS fĂŒr Autisten nur auf Kinder- und Jugendliche bezieht, habe ich im Bundesministerium fĂŒr Arbeit und Soziales nachgefragt, wie heranwachsende und erwachsene Autisten bewertet werden.
Mit Schreiben vom 11. Dezember 2018 wurde meine Frage eindeutig beantwortet.
Brief-Faksimile Mai 2020

Derzeit wird die VersMedV wieder ĂŒberarbeitet. Über die Neuerungen werde ich hier wieder zeitnah darĂŒber informieren.

Wolfgang Stemmer

ist 1951 in Augsburg geboren. Lehre zum Maschinenschlosser. Studium der Sozialarbeit in Hagen. Angestellt als Dipl. Sozialarbeiter im Jugendamt in verschiedenen Bereichen, u.a. mit seelisch behinderten Kindern und Jugendlichen und als Vormund fĂŒr MinderjĂ€hrige. Zuletzt drei Jahre beschĂ€ftigt in einer Autismus-Therapie-Ambulanz. Jahrelang auf Landes- und Bundesebene in verschiedenen Funktionen im Deutschen Diabetiker Bund ehrenamtlich tĂ€tig. Seit 2016 in Rente. Aktiv in einer Autismus Selbsthilfegruppe. Verschiedene Veröffentlichungen.

2 Antworten

    1. Einige niedergelassene Praxen (psychiatrische/neurologische) machen Autismusdiagnostik und das ist eine Kassenleistung. Auch Institutsambulanzen einiger Kliniken bieten das an. Ebenfalls Kassenleistung.
      Aspies e.V hat eine Liste mit Adressen, dort können Sie vielleicht Stellen finden, die fĂŒr Sie erreichbar sind.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert