Von der Unfähigkeit, um Hilfe zu bitten

Regine Winkelmann
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Nun sind 10 Jahre vergangen, seit mir die Diagnose Asperger Autismus gestellt wurde. Noch in der Klinik, am Tag der Diagnose antwortete ich auf die Frage, ob ich autismusspezifische Hilfe brauche höflich, angepasst und möglichst für meine Mitmenschen bequem: “Nein, danke“.
So wie ich mir antrainiert hatte, auf eine Frage, wie etwa: “möchten Sie ein Glas Wasser haben?“, stets höflich abzulehnen.
“Nein, danke!“ Gefolgt von einem flüchtigen Lächeln, mit dem man ein Angebot höflich ablehnt.
Eine weitere Diagnostik, nachdem bei mir bereits 2003 ADHS festgestellt wurde, lässt man über sich ergehen, in der Annahme oder der Erwartung, dass es einem selbst noch weitere Hilfe ermöglicht. Sei es in der Art, dass man mehr über sich selbst versteht oder eben tatsächlich der begründete, rechtliche Nachweis damit erbracht wird, der eine Hilfe gewährt.
Denn damals hatte ich bereits einige Zusammenbrüche hinter mir und brauchte mehr als dringend beides. Die nötige Selbsterkenntnis, dass ich lernen muss meine Ressourcen ökonomisch zu verwalten, sowie ganz pragmatisch Hilfen und Unterstützung, um Defizite zu kompensieren.
Was macht es so schwer, um Hilfe zu bitten oder ein Angebot anzunehmen, was das Leben, eine Situation oder den Moment erleichtern könnte?
Wenn man Ja sagt, muss etwas folgen. Einem Ja schließen sich weitere Gespräche an, weitere genaue Fragen und Details, über die ich mir noch keine Gedanken gemacht habe.
Ist es vielleicht das?
Oder ist es die Scham, zuzugeben, dass man Hilfe braucht und nicht alleine klarkommt?
Zu oft haben wir gehört: “ach was, das kann doch jeder. Mach dich nicht schwächer als du bist”.
Aussagen, die keine böse Absicht haben, sondern motivieren sollen. Doch sind sie wenig hilfreich und am Ende beschämen sie. Schlimmer noch, sie zeigen wie wenig derjenige uns versteht und geben uns damit das Gefühl, sehr weit Abseits zu stehen.
Und am Ende hat man mit weiteren ermüdenden Erklärungen doch nichts, aber auch gar nichts bei dem anderen an Verständnis bewirkt.
Zu den vielen Dingen, die nicht funktionieren, oder eben nur mit einem erheblichen Kräfteverlust, kommt dann oft noch eine Unfähigkeit, nicht einmal um Hilfe bitten zu können, hinzu.  Dann wird es sehr schwierig, schnelle Lösungen zu finden.

Es mangelt ja nicht unbedingt an dem Wissen, was uns jeweils helfen könnte. Es mangelt an der Struktur, an der Umsetzung und an der Unfähigkeit, schnell und flexibel einen Ablauf zu ändern, wenn Unvorhersehbares eintritt.
Eine Kleinigkeit nur bedarf es, dass die Ausführung gestoppt wird und wir nicht mit dem nächsten Schritt, der auf eine Veränderung folgt, an Vorheriges anknüpfen können.
Das alles gehört zu den “exekutiven Funktionsstörungen”, die Autisten häufig haben und die das Phänomen vielleicht noch immer nicht genau zu erklären vermögen – aber sie bekommen einen schicken Namen, nicht wahr?

Exekutive Funktionsstörungen

Schon immer wusste ich, dass es absolut nichts mit Wollen zu tun hat und auch nicht mit Furcht oder Scham – letzteres folgt lediglich darauf.
Es ist also eher ein Hardwareproblem und hat neurologische Ursachen. Psychische Begleitstörungen ergeben sich aus den vielen Situationen, die uns klarmachen, dass wir unzulänglich sind, bzw. aus den Konsequenzen daraus.
Die Neurowissenschaft hat in den letzten zwei Jahrzehnten Quantensprünge vollbracht: “Durch bildgebende Verfahren, sind Wissenschaftler in der Lage dem Menschen beim Denken zuzuschauen. Sie können sogar erkennen, ob eine Person beim Rechnen subtrahiert, oder addiert.”
Eric Kandel, Neurowissenschaftler
Und sie zeigen dann tatsächlich auch die neurologischen Strukturen, die für diese exekutiven Funktionen verantwortlich sind. Für die Ausführung einer Handlung, einer Absicht und das eigene Wollen – “es zu tun”.

https://www.ratgeber-neuropsychologie.de/exekutive_funktionen/exeF7.html?fbclid=IwAR1tNCmgqPHrLUA8DDX0Ue1v-DQdfS6en2rujkTWk2Lwto0CMK85KczKxfA

 

Regine Winkelmann

War nach abgeschlossenem Ingenieurstudium 20 Jahre als unterrichtende Dozentin in der Erwachsenenbildung tätig. Sie ist Mutter von vier, mittlerweile erwachsenen Kindern. Nach Publikation ihres ersten Buches ist sie als Referentin vortragend unterwegs und berichtet über Autismus und artverwandte Neurodiversität aus ihrer Sicht als Autistin mit ADHS.

Eine Antwort

  1. Liebe Regine, ja es fällt schwer sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht, wenn man bisher funktioniert hat. Aber ich merke, dass meine Belastbarkeit mit zunehmendem Alter nachlässt und ich etwas unternehmen muss, da es mir Sorgen bereitet. Vor allem hab ich damit Probleme die richtigen Hilfen für mich rauszufinden. Ich habe Defizite in der Kommunikation in Gruppen und Teams. Oft bin ich mir dessen nicht bewusst was ich falsch gemacht hab und das verzweifelt mich, da ich es somit nicht so einfach abstellen kann. In meiner gewünschten Autismus Therapie hätte ich 2x/Woche nach München zu Terminen fahren müssen, was eine Überforderung zu meiner Berufstätigkeit darstellt. Die Therapeuten ließen nicht mit sich reden die Therapiezeiten individuell anzupassen. Also kam diese Option nicht in Frage. Nun bin ich 1x/Monat bei einer Autismus Therapeutin und versuche meine Defizite anzusprechen und aufzuholen. Zu sagen, dass ich teilweise die einfachsten Dinge in der menschlichen Interaktion nicht richtig umzusetzen weiß, gehört dazu. Eigentlich hätte ich stundenmäßig mehr Therapiebedarf, bin allerdings nicht belastbar genug die Termine wahrzunehmen. Daher besser 1x/Monat.
    Zudem steht eine Logopädie Therapie an, um meine prosodische Monotonie und Verlangsamung der Sprache, was sich „Stimmstörung bei Asperger Syndrom“ nennt zu therapieren. Leider hatte ich aufgrund meiner Art zu sprechen beruflich schon viele Nachteile.
    Mich kostet alles unheimlich viel Kraft, aber ich möchte es schaffen weiter berufstätig zu sein, da mir das mir eine sehr wichtige Tagesstruktur gibt, die ich dringend brauche in einem Beruf den ich mag. Eigentlich fühle ich mich zeitweise immer wieder sehr kraftlos, da das die autistische Müdigkeit ist aufgrund von neuronaler Überlastung durch tägliche Kompensation an das neurotypische Leben. Von Rücksichtnahme ist keine Rede, man muss in dieser Welt funktionieren oder man muss sich mit erheblichen finanziellen Einschränkungen abfinden, vom „Amt“ Geld bezahlen lassen, was ich nicht möchte. Ich möchte ein möglichst freier Mensch sein mit einem gewissen Selbstbestimmungsrecht im privaten Bereich. Als Asperger hat man es auf dieser Welt definitiv sehr schwer, aber es ist machbar, wenn man sich ggf. traut Hilfe anzunehmen und um Hilfe zu bitten.

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